Das Sujet der Viennale 2026

Der Wal als Plakatsujet der Viennale 2026.

Der Wal, zwischen Anatomie und Imagination

Viennale Plakatsujet 2026: Schwarz-weiße Linienzeichnung eines Wahls mit geöffneten Mund. Darüber ein roter Schriftzug 'VIENNALE' und den Festivaldaten: 22. Oktober bis 3. November
© Viennale/Rainer Dempf

Das Bild, von dem diese Überlegung ihren Ausgang nimmt, zeigt einen Nordpazifischen Glattwal und ist entnommen aus „Geishi“ („Über Wale“, 1794) von Nanki Josuiken. Dieses Buch präsentiert sich als wissenschaftliche Abhandlung über die vierzehn damals in Japan bekannten Walarten, ist in Wahrheit jedoch mehr Kunst als Wissenschaft: Die Tafeln sind wie Bildrollen komponiert, mit kalligrafierten Gedichten neben den Bildern – und gerade auf diesen Seiten findet sich erstmals dokumentiert die Vermutung, dass der Wal ein Säugetier sei, kein Fisch.

Ambivalenz durchzieht nicht nur die japanische Naturdarstellung des 18. Jahrhunderts, als der Walfang ein verbreiteter Wirtschaftszweig war. Das Tier wurde gefangen, zerlegt, vermessen, dargestellt – ein offenbar dokumentierender Zugang. Und doch überstieg das Verhältnis zum Wal stets das rein Praktische. In Erzählungen der Ainu erscheinen gestrandete Wale als Gaben der Götter; Walfänger vollzogen Zeremonien, damit die Seelen getöteter Tiere die Erleuchtung Buddhas erlangen konnten; selbst Wal-Föten wurden feierlich bestattet. Jagen und verehren, zerlegen und gedenken: Dieselbe Kultur, die das Tier zur Ware machte, behandelte es zugleich als beseeltes Wesen – eine hybride Ikonografie, in der anatomische Genauigkeit und fantastische Erfindung nebeneinander bestehen.

ROBERT ALDRICH RETROSPEKTIVE PLAKAT: Schwarz-weiße Aufnahme einer Frau in einem Kleid, die auf einer Wendeltreppe nach oben blickt. Darüber roter Text: ROBERT ALDRICH 23. Oktober bis 30. November Österreichisches Filmmuseum
© Viennale/Rainer Dempf

Auch in der westlichen Kultur findet sich diese Ambivalenz, wo das Seeungeheuer in der biblischen Vorstellungswelt eine vieldeutige Stellung einnimmt. Da ist der große Fisch im Buch Jona, der den gleichnamigen Propheten verschlingt, eine Prüfung, die der Wiedergeburt vorausgeht. Und da ist der Leviathan, ein eigenständiges Ungeheuer des Urchaos im Buch Hiob und in den Psalmen. Spätere Traditionen haben beide zu einem einzigen Bild verschmolzen: der Wal – Wächter einer Grenze zwischen Bedrohung und Verwandlung.

Abschließend lohnt sich ein Blick auf das Wort selbst: „Monster“, vom lateinischen „monstrum“, verwandt mit „monere“ (mahnen) und „monstrare“ (zeigen). Etymologisch betrachtet ist das Monster nicht in erster Linie eine Bedrohung; es ist vielmehr ein Zeichen, das sichtbar wird, um etwas mitzuteilen. Und vielleicht ist es gerade das Auge des Wals – klein, aber in jeder Darstellung mit großer Sorgfalt ausgeführt –, in dem sich diese Funktion erfüllt: nicht als Drohung, sondern als Blick, der den unseren erwidert – und der in diesem Uns-Anblicken Mahnung offenbart.